white cube & black mediterranean. Kunst und ihre Räume auf der manifesta 12, 2018



In der Bibliothek der manifesta12, die sich im Teatro Garibaldi befindet, das unter anderem als Festivalzentrale fungiert, erregt zum Ende meiner manifesta Reise ein Buch meine Aufmerksamkeit, und in diesem Buch (Contemporary Art Theory) wiederum ein essay: The return of the White Cube, geschrieben 2003 von Igor Zabel. Die Tage zuvor war ich zusehends faszinierter geworden davon, wie hier in Palermo Orte und Räume, die für die Kunst appropriiert worden waren, im Zeigen von Kunst Geschichte, Gesellschaft und Gegenwart verbinden; wie eindringlich (die Sommerhitze ist dabei wahrscheinlich von Bedeutung) in diesen Räumen, die mein Körper sich erwandert, Visuelles sinnlich wird; wie beiläufig sich in so besonderen Umgebungen ästhetische Erfahrung und Erkenntnisgewinn in ein Glücksgefühl verwandeln können. Nun bin ich verwundert, dass in dieser unglaublich perfekten Ausstellungsgegebenheit der Begriff des white cube an meine Bewusstseinsoberfläche dringt.  Igor Zabel (er ist 2005 verstorben) war in den Gründungsjahren der manifesta beteiligt an deren Journal, das den theoriebildenden Hintergrund verhandelt, und wo gesellschaftspolitisches Denken und Ausstellungspraxis gefestigt wurden. Die manifesta war von Beginn an darauf ausgerichtet, Kunst in der Gesellschaft zu verankern, sie zu reflektieren und mittels künstlerischer Praxis Zukunstsstrategien zu entwickeln. Entstanden nach dem Zusammenbruch der Grenzen zwischen Ost und West, wurde sie nomadisch angelegt, um an den Brennpunkten gesellschaftlicher Entwicklungen in Europa präsent und aktiv sein zu können. Der white cube ist noch immer die Norm, auf die sich jedes Ausstellungmachen bezieht. Auch wenn er seit den 1960ern kritisch hinterfragt und ihm vor allem seit den 80ern mit neuen Strategien begegnet wurde (Relational Art, Institutional Critique), ist er selbst in dieser kritischen Praxis der Ausgangspunkt. Der white cube stellte mit Beginn der Moderne (und mit Hilfe der Avantgarde) das Setting zur Verfügung, mit dessen Modi ich mich als Besucher-in der Kunst vollkommen zur Verfügung stellen kann (er reduziert den Raum, und mich darin, aufs wesentliche, ermöglicht es mir, die Kunst in einem Zustand wahrzunehmen, der losgelöst von sozialen, kulturellen, gegenderten Besonderheiten ist, und der die Probleme des realen Lebens ausblenden will). Er ermöglicht eine transzendente Erfahrung in der Begegnung mit Kunst. Das Kunsterleben im white cube war (und ist) eine Praxis des modernen Individuums. Alte Machtstrukturen scheinen seit deren Anfängen obsolet (Kirche und Aristokratie waren nun nicht mehr zuständig für die Auswahl und das Zeigen von Kunst); der Künstler (ich verwende bewusst die männliche Form), der das Ausstellen als Teil der Avantgarde selbst in die Hand genommen hatte, war nun emanzipiert und der formal-abstrakte, quasi-spirituelle Moment dieser Erfahrung verbarg lange Zeit die neuen Machtstrukturen, die im verborgenen umso stärker vorhanden waren. Kunstbetrachtung als rein formal-abstrakte Angelegenheit hat sich lange überholt, es ist selbstverständlich, dass kunst politisch ist und sein will, und in der Gegenwart verankert. Als Besucher-innen von Biennalen sind wir es gewöhnt, der Kunst an ungewöhnlichsten Orten, mitten im Trubel der Stadt (hier in Palermo z.B. dem Videomobil der Gruppe MASBEDO) oder an den äußersten Rändern zu begegnen (auf dieser manifesta muss ich Stunden wandern, um zur künstlerischen Intervention von rotor am Pizzo Stella zu gelangen). Dennoch wird Kunst hier immer noch auch in Ausstellungsräumen präsentiert. Wie inspiriert ich diese Räume erschließe, welche Narrative sich darin manifestieren, und wie ich mich in diesen neuen Erkenntnissen erfahre, das ist besonders, das habe ich in dieser Heftigkeit noch nicht erlebt. Es ist also das Eintreten der bestmöglichsten Präsentation von Kunst, die mich dazu bringt, die Möglichkeiten des Display noch einmal zu hinterfragen.
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